Anleiherenditen erreichen den höchsten Stand seit 2008: Das ist der wahre Grund, warum Bitcoin unter 77.000 gefallen ist
Du starrst auf das Kerzendiagramm, siehst, wie BTC auf 76.762 USD fällt und denkst dir: „Schon wieder wegen Krieg.“
Falsch.
Raketen sind der Zündfunke, aber die eigentliche Bombe liegt am Anleihemarkt.
Der globale Indikator für Staatsanleiherenditen hat gerade den höchsten Stand seit 2008 erreicht.
1/ Schauen wir uns zuerst an, was heute passiert ist.
Am 2. September fiel Bitcoin zeitweise auf 76.762 USD. Innerhalb des Tages sank er von einem Hoch von 79.166 USD auf ein Tief von 76.483 USD. Innerhalb einer Stunde wurden Long-Positionen im Wert von etwa 115 Millionen USD im Kryptobereich zwangsliquidiert.
Die US-Aktienmärkte brachen gleichzeitig ein – Dow Jones fiel um 0,79 %, S&P 500 um 0,71 %, Nasdaq um 1,03 %. Kryptobörsenaktien litten noch stärker: Strategy fiel um 6,06 %, Coinbase um 6,01 %, Circle um 6,35 %.
Alle sagen: „Wegen Krieg.“
Aber Krieg ist nur die erste Ebene.
2/ Schauen wir uns die Intensität des Krieges an.
Das US-Zentralkommando begann am 1. September um 12 Uhr mittags Ostküstenzeit Angriffe auf Ziele der iranischen Revolutionsgarden. Die Angriffe dauerten etwa sechseinhalb Stunden und richteten sich gegen Luftabwehrstellungen, Radarsysteme sowie maritime Anlagen und Einrichtungen.
Iran reagierte gleichzeitig – eine US-MQ-9-Drohne wurde abgeschossen. Trump drohte: Sollte Iran Vergeltung üben, werde es „noch heftigere Schläge“ geben.
Noch entscheidender ist die Straße von Hormus. Zwei mit saudischem Rohöl beladene Supertanker wurden bei der Durchfahrt durch die Meerenge angegriffen – jeder mit etwa 2 Millionen Barrel Rohöl beladen. Die US-Streitkräfte zwangen 84 Handelsschiffe, Umwege zu fahren.
Die weltweit wichtigste Öltransportroute wird faktisch blockiert.
3/ Die Reaktion der Ölpreise ist direkt und heftig.
Brent-Öl stieg um 4,6 % auf 94,65 USD pro Barrel. WTI-Öl stieg um 5,2 % auf 90,22 USD pro Barrel. Zwischenzeitlich durchbrach Brent die 96-USD-Marke.
WTI überschritt erstmals seit Ende Juli wieder die 90-USD-Marke. Das ist der höchste Schlusskurs seit fünf Wochen.
Aber der Ölpreisanstieg ist nur das zweite Glied in der Kette.
4/ Der eigentliche Sturm tobt hier – am Anleihemarkt.
Der Bloomberg Global Government Bond Index stieg auf 3,72 %, den höchsten Stand seit Mitte 2008.
Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe schoss auf 4,798 % – den höchsten Stand seit Januar 2025. Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe überschritt 5,273 %.
Das ist noch nicht alles. Die Rendite der 10-jährigen japanischen Staatsanleihe erreichte erstmals seit 30 Jahren 3 %. Die britischen Staatsanleihenrenditen nähern sich 6 %. Die 30-jährige französische Staatsanleihenrendite erreichte den höchsten Stand seit 2008.
Das ist keine Schwankung eines einzelnen Marktes. Es ist eine systemische Neubewertung, die alle G10-Länder erfasst.
5/ Wenn du diese Kette zusammensetzt, verstehst du alles.
US-iranische Konflikteskalation → Risiko in der Straße von Hormus steigt (zwei Supertanker angegriffen, 84 Handelsschiffe weichen aus) → Ölpreis explodiert (Brent über 94 USD) → Inflationserwartungen steigen stark → Zinserhöhungserwartungen verstärken sich (Wahrscheinlichkeit für Zinserhöhung im September steigt von 34 % auf über 65 %) → weltweiter Anleihemarktverkauf (Renditen auf Höchststand seit 2008) → zinstragende Anlagen werden abgestoßen (BTC fällt unter 77.000)
Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der Fed im September liegt nun bei 65 % bis 68 %. Overnight-Index-Swaps haben eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bei der Oktobersitzung vollständig eingepreist.
Bitcoin wurde nicht von Raketen abgeschossen. Es wurde von der 4,798 % Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe erdrückt.
6/ Die dahinterstehende Logik ist brutal.
BTC bringt keine Zinsen. Wenn die Rendite der US-Staatsanleihe nur 1 % beträgt, sind die Opportunitätskosten für das Halten von BTC vernachlässigbar.
Was aber, wenn die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe auf 4,8 % und die der 30-jährigen auf 5,27 % steigt?
Wenn du BTC im Wert von 100.000 USD hältst, verlierst du ein Jahr lang 4.800 USD an sicheren Erträgen.
Institutionelle Investoren rechnen das durch. Staatsfonds erst recht. Je höher der Ölpreis, desto hartnäckiger die Inflation, desto weniger traut sich die Fed, die Zinsen zu senken, desto höher die Anleiherenditen, desto stärker der Druck auf BTC.
Das ist kein Problem, das mit der „digitalen Gold“-Erzählung gelöst werden kann. Das ist ein Beta-Kill durch makroökonomische Liquiditätsverknappung.
7/ Ironischerweise stieg BTC im August um fast 25 % und durchbrach zeitweise die 81.000 USD-Marke.
Dann hielt Waller auf dem Jackson Hole Symposium eine restriktive Rede – betonte, dass die Inflation nicht erreicht sei und verzichtete auf Forward Guidance – die Zinserwartungen für September sprangen von 35 % auf 60 %. BTC fiel scharf auf 76.000 USD.
Kurz darauf eskalierte der US-iranische Konflikt, die Anleiherenditen erreichten den höchsten Stand seit 2008, und BTC fiel erneut.
Innerhalb eines Monats +25 %, innerhalb einer Woche mehr als die Hälfte wieder verloren.
8/ Einige schmerzhafte Details.
Erstens: Im August flossen etwa 3 Milliarden USD in Spot-Bitcoin-ETFs. Aber die ETF-Käufe konnten den makroökonomischen Verkaufsdruck nicht aufhalten. Institutionen kaufen, aber das Makro killt.
Zweitens: Die „digitale Gold“-Erzählung von Bitcoin verliert an Wirkung. Wenn die Rendite der echten sicheren Anlage (US-Staatsanleihen) auf 4,8 % steigt, wird niemand auf ein „digitales Gold“ wetten, das fünfmal so volatil ist wie echtes Gold.
Drittens: Die iranischen Rohölexporte sind von etwa 2 Millionen Barrel pro Tag im März auf 220.000 bis 255.000 Barrel pro Tag im August eingebrochen. Das Angebotsschock ist real, kein bloßer Erwartungseffekt.
9/ Was nun?
Erstens: Gib nicht dem „Krieg“ allein die Schuld. Krieg ist der Katalysator, aber die zugrundeliegende Logik ist, dass der globale risikofreie Zinssatz die heftigste Neubewertung seit fast 20 Jahren erlebt.
Zweitens: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September von über 65 % bedeutet, dass jede geopolitische Eskalation vor der FOMC-Sitzung die Angst vor „höher und länger“ verstärkt.
Drittens: Wenn du auf das BTC-Kerzenchart schaust, beobachte gleichzeitig die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe. 4,8 % sind nicht das Ende – die 30-jährige liegt bereits bei 5,27 %. Höchster Stand seit 2007.
Ob BTC die 77.000 halten kann, hängt nicht davon ab, ob Iran die nächste Rakete abschießt. Es hängt davon ab, wann der Anleihemarkt aufhört zu verkaufen.
10/ Fazit
Heute sehen alle Raketen und Ölpreise.
Aber die wahre Geschichte spielt sich am Anleihemarkt ab – einem Markt, den die meisten ignorieren und der die heftigste Krise seit 2008 durchlebt.
Bitcoin fiel unter 77.000, scheinbar wegen „Krieg“.
Tatsächlich wurde es von der risikofreien Rendite von 4,8 % erdrückt.
Das nächste Mal, wenn du auf das Kerzendiagramm schaust, öffne auch die Grafik der US-Staatsanleihenrenditen.
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